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Die Entdeckung der Langsamkeit

Sten Nadolny, 1983

Rezension

von Dr. Hans-Jürgen Wilhelm

Dieses Buch ist ein wunderschöner Roman eines Seefahrers, auch über die unterschiedliche subjektive Wahrnehmung der Zeit. John Franklin, der „Held“ des Romans hat eine sehr langsame Wahrnehmung, die dafür aber deutlich intensiver ist, als die seiner Umwelt. Er erkennt Dinge, die andere übersehen und kann auf Situationen nicht reagieren, da diese sich für ihn viel zu schnell ereignen.

„Sten Nadolny hat die Biographie des englischen Seefahrers und Nordpolforschers John Franklin (1786 – 1847) zu einer subtilen Studie über die Zeit umgeschrieben. ... Von Kindheit an träumt John Franklin davon, zur See zu fahren, obwohl der dafür denkbar ungeeignet ist: Langsam im Sprechen und Denken, langsam in seinen Reaktionen, misst er die Zeit nach eigenen Maßstäben. Zunächst erkennt nur sein Lehrer, dass Johns eigenartige Behinderung auch Vorzüge hat – was er einmal erfasst hat, das behält er, das Einzigartige, das Detail begreift er besser als andere“ heißt es in der Einleitung des Buches.

Die Zeit schreibt: „Nadolny und sein John Franklin entdecken die Langsamkeit als menschenfreundliches Prinzip. Man könnte auch sagen: die Bedächtigkeit, den vorsichtigen Umgang mit sich selber und den Dingen.“

Dieses Buch ist für alle lesenswert. Aber vor dem Hintergrund „Alter“ und „Demenz“ eröffnet es nicht nur die unterschiedliche subjektive Wahrnehmung von Zeit, sondern macht auch deutlich, dass das für uns Unnormale auch eine Bereicherung darstellen kann. Wenn wir unsere Arroganz gegenüber dem scheinbar „unnormalen“ ablegen und auf ihn zugehen, so können sich für uns Welten öffnen, die uns ansonsten verschlossen blieben.

Blinde Menschen habe ein sehr ausgeprägtes Tastgefühl und können Blindenschriften lesen, die für normale Menschen überhaupt nicht tastbar wären. Er wird aber nur als blinder Mensch und nicht als sehr feinfühliger Mensch wahrgenommen.

Dieses Buch ist kein Thriller, aber es ist packend in der Geschichte und alles andere als langweilig.


22.03.04

 

Letzte Änderung am  22.03.2004