* EURO 19.80;

In guten wie in schlechten Tagen
Konfliktfelder in der häuslichen Pflege

K. Gröning, A.-Ch. Kunstmann, E. Rensing; 2004
(innerhalb des Projektes "Qualitätssicherung in der häuslichen Pflege dementiell Erkrankter")

(Mabuse-Verlag)

Rezension

Immer noch bildet die Familie die zentrale Institution zur Versorgung und Pflege behinderter, chronisch kranker und alter Menschen. Dabei scheinen insbesondere Frauen der beste, natürlichste und selbstverständlichste Pflegedienst zu sein. Es verwundert nicht, dass die Vorstellungen der modernen Rollenvielfalt von Frauen durch die Pflege stark in Frage gestellt werden können. Gleichzeitig führt die Modernisierung dazu, dass bislang gültige Normen, Sicherheiten und verbindliche Versorgungszusammenhänge überdacht werden müssen.
In den aktuellen Bearbeitungen der Thematik der Belastungen von pflegenden Angehörigen wird in erster Linie von direkten pflegebezogenen Belastungsmomenten gesprochen. Üblicherweise werden bei der Pflege zumeist nur konkrete Pflegeleistungen sowie die eigentliche Pflegedyade thematisiert. Das erhebliche Konflikt- und Belastungspotenzial durch infolge der Pflegeverantwortung auftretende oder sich zuspitzende Familiendynamiken bleibt oft unangesprochen.
Im Buch finden sich Ergebnisse der vom Ministerium für Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen in Auftrag gegebenen und geförderten Studie zur spezifischen Situation pflegender Frauen im Kontext familialer Beziehungen. Gut die Hälfte des Buches widmet sich unter Berücksichtigung breit gefächerter Literaturrecherche den Themen: Modernisierung und Generationenverhältnis; Die Situation pflegender Frauen; Häusliche Pflege und familiale Entwicklung sowie Ethik in familialen Generationenbeziehungen. Beiträge aus Frauenforschung, Pflegeforschung, Ethik, Sozialwissenschaft, sozialgerontologischer Forschung und Entwicklungspsychologie werden berücksichtigt. Dabei wird vor allem die Pflege älterer Familienangehöriger thematisiert. Der 5. Abschnitt widmet sich einer empirischen Untersuchung, wobei drei ihre Mutter pflegende Frauen und drei Gruppenleiterinnen von Angehörigengruppen in qualitativen Interviews befragt wurden. Statt eines Ausblicks betrachten die Autorinnen das Pflegeversicherungsgesetz bezüglich intergenerationaler Erwartungen, der bisher typischen Rollenverteilung sowie unter Gerechtigkeits- und Fürsorgeaspekten. In diesem Buch werden viele Aspekte der Generationen- und Geschlechterverhältnisse und –aufgaben angesprochen, wie z.B. Motivation zur Pflegeübernahme, familiale Belastungen und Aufgaben; Selbstsorge und Fürsorge. Die Vielseitigkeit dieser Beleuchtung häuslicher Pflegesituationen, -kommunikationen und -interaktionen sowie biographischer Entwicklung ist eine wertvolle Basis zur Reflexion und Wahrnehmung der Pflegeaufgaben und der Pflege-Beziehung. Der umfassenden und vielseitigen Recherche im ersten Teil des Buches folgt eine Minimal-Empirische-Untersuchung. Die Bezeichnung „empirische Untersuchung“ für die über 50 Seiten dargestellte Befragung von drei pflegenden Frauen und drei Leiterinnen von Angehörigengruppen scheint etwas hochgestochen. Im Rahmen dieses Forschungsprojektes, das sich mit einer Vielzahl von Fragen zur Pflegeverantwortung von Frauen, ihrem Gerechtigkeitsempfinden, ihrem Rollenerleben, innerfamiliärem Erleben sowie dem Erleben von Generationenverhältnissen beschäftigt, ist es sehr schade, dass in erster Linie die Literatur der vergangenen 20 Jahre herangezogen wurde, statt die Gelder zu nutzen und zusätzlich Feldforschung zu betreiben und eine Vielzahl von Familien und Frauen zu befragen. Hätte doch dieses Projekt den Rahmen geboten vor Ort zu klären, wie die pflegerische Verantwortung erlebt und gelebt wird. Das Projekt, das für die Praxis und die Entwicklung von schlüssigen Prognosen und Wegweisungen hilfreich sein soll, würde dadurch wesentlich glaubhafter. Auch wenn dieses Buch für eine wissenschaftliche Abhandlung gut verständlich geschrieben ist, dürfte sie für psychologisch und ethisch ungeschulte Leser an manchen Stellen ein hohes Maß an Konzentration erfordern.
Aufgrund der vielseitigen Aspekte des theoretischen Teils ein trotz der o.a. Kritik lesenswertes Buch für in der Angehörigenarbeit professionell Tätige. D. Wolf-Stiegemeyer


29.01.05

 

Letzte Änderung am  29.01.2005