* EURO 7,00 

Kipppunkt.

Kern, Björn,  2001

Rezension 

(AAI)

Das Böse ist alt
Ein ehemaliger Zivi hat die Gewalterfahrungen während seines Dienstes als Pfleger in Romanform gepackt
Von Werner Schulz (www.zivil.de)
Das Böse ist alt. So um die 80 oder 90 Jahre. Es hat offene Beine, ist verwirrt und „fängt außerdem an zu schimmeln“. Es lebt mit Löchern in der Haut, die nach „verkohltem Hähnchen, Müllkippe und abgekratzter Lepra“ riechen. Es sabbert, trieft speicheligen Rotz aus dem Gesicht und hat Brüste, die aussehen „wie zwei angenähte alberne Waschlappen“. Und dieses Böse krallt sich einen Zivi – genauer: einen Kriegsdienstverweigerer, der den „anderen Dienst im Ausland“ absolviert.
Südfrankreich. Provence. Auch dort gibt es Pflegeheime. Und auch dort sind Zivis zum arbeiten da. Einführung, Anleitung, psychische Betreuung gar – Fehlanzeige. Das Böse wird stark und stärker und es hätte früh schon gänzlich freie Hand, wäre da nicht Anna. Anna, die Sprachlose. Anna, die Begehrenswerte. Die Liebste, die Freundin, die Mutter. Die Zuhörerin! Besser: Die als Zuhörerin missbrauchte. Weil er niemanden sonst hat, der Zivi, mit dem er über das Böse reden kann, weil er niemanden sonst haben will, wird die Zuhörerin Anna überlebenswichtig. Und dann passiert dieser Unfall …
Björn Kerns knapper Roman „Kipppunkt“ (125 Seiten) knüpft an autobiografische Erlebnisse des Autors während seines Dienstes in Südfrankreich an. Die erzählte Geschichte hat sehr viel mit Gewalt zu tun. Mit der Gewalt der autonomen Szene gegen die Atomkraft, mit der Gewalt auf dem Bildschirm, Gewalt in Bosnien, militärischer Gewalt überhaupt. Eindeutig im Vordergrund aber steht die Beschreibung eines destruktiven Alltags hinter den Mauern einer Pflegeanstalt: Gewalt gegen Alte, Verwirrte, Hilflose und Hilfsbedürftige. Verbale, psychische und physische Gewalt gegen Menschen, die irgendwann ein Leben hatten, eine Familie vielleicht, eine Aufgabe, einen Beruf. Oder doch zumindest einen eigenen Namen. Bis zu jenem Tag, da sie zum Pflegefall wurden, zum Fall für Pflegerinnen und Pfleger, Heimleitungen und Ärzte, Psychiater, Polizisten – Zivis. Zum fremden, aufgezwungenen Arbeitsobjekt. Unästhetische, abtörnende Relikte aus einer längst vergangenen Zeit, jungen, verliebten und von der Zukunft träumenden Männern in den Weg gestellt, acht Stunden täglich im Schichtbetrieb. Unbequem, ärgerlich, böse.
Vom Tag der Einlieferung an verloren die alten Menschen so ziemlich alles – ihren Namen zuerst. Da hießen sie etwa plötzlich „Birne“, weil irgendein Zivi, der bald studieren will, Psychologie vielleicht, so etwas witzig fand. Oder sie hießen hinfort und bis ans Ende ihrer Tage einfach „die Alte“.
Und wenn es dem Zivi langweilig wird, dann probiert er mal aus, wie „Flieger spielen“ mit einer bettlägerigen 90-Jährigen geht:
„Ich drücke auf den Pfeil nach unten und leite einen gefährlichen Sturzflug ein. Der Alten kippt ihr Kopf nach hinten weg. Die Motoren ächzen, als ich aus dem Sturzflug einen Loop ansetze. Der halbtote Kopf wird hochgeworfen, während ich mit dem Seitenruder rechts gegensteuere. Da bricht die Übertragungsstange aus dem Gewinde und der Kopfteil vom Bett kracht mitsamt der Alten auf den Boden. Verdammt! Sie jault und zuckt mit ihren Ärmchen auf der Massagematratze.“
Björn Kerns Roman enthält eine Fülle derartiger Gewaltszenen. Ganz gleich, ob wirklich erlebt oder nur fantasiert, diese Szenen markieren den kurzen, einsamen und letztlich fatalen, aber leider auch für viele typischen Weg eines jungen Mannes durch ein Pflegeheim. Im Roman endet dieser Weg nach einem zufälligen und tragischen Ereignis, dem „Kipppunkt“, auf sehr brutale Weise. In der Regel gehen die Pflegedramen in der Wirklichkeit etwas glimpflicher aus. Was bleibt, ist der sehr wirklichkeitsnahe und wichtige Fingerzeig auf Mechanismen und Strukturen hinter Anstaltsmauern, die für das Problem Gewalt in der Pflege mitverantwortlich sind. Die Zeitnot, die kalte, geschäftige Atmosphäre, schlecht oder nicht ausgebildete Mitarbeiter, frustrierte Pfleger, geldgierige Verwalter … das alles färbt ab, hinterlässt destruktive Spuren. Am Ende wird der Druck nach unten weitergegeben, an die Schwächsten, an die alten Menschen in den Betten. Auch die fatalen Folgen eines unreflektierten und durch keinerlei fachliche oder seelsorgerliche Begleitung gestützten Zivildienstes werden im Roman sehr gut sichtbar. Wohin soll er, der Zivi, mit all seinen Erlebnissen, seiner Scham, seinem Ekel, seiner Schwäche? Wer stützt den völlig überforderten Neuling? Niemand bietet sich an – außer der Freundin. Die aber droht mehr und mehr erstickt zu werden durch all die Wünsche, Hilferufe, Begehrnisse und Begierden. Nicht selten richtet der Zivi den aufgestauten Frust und die angesammelten Aggressionen gegen sich selbst.
Was bleibt unter diesen Bedingungen übrig vom Anspruch, der Zivildienst möge Ort des sozialen Lernens sein? Man lernt immer – zum Beispiel wie man sich abschottet, einen auf cool macht, sich innerlich distanziert. Die Sprache ist dafür ein gutes Beispiel. Sie wird derb, zynisch. Man macht Witze über alles. Die sprachliche Entwertung ist eine gängige Kommunikationstechnik, die es den Betroffenen erspart, sich ernstlich mit Inhalten, zum Beispiel Krankheiten, oder Beziehungen, zum Beispiel zu hilflosen Menschen, auseinanderzusetzen. Das lernt man schnell. Das Problem ist, dass es so viele lernen müssen.


06.01.04

  Rezension Brigitte YOUNG MISS (© 1998 - 2003 Amazon.com, Inc. und Tochtergesellschaften) Februar 2002 Ein Debütroman mit biografischem Hintergund, der unter die Haut geht. Rezension Kölnische Rundschau (© 1998 - 2003 Amazon.com, Inc. und Tochtergesellschaften) 27. Oktober 2001 Björn Kern erzählt die Geschichte spannend und mitreißend. Ein starkes Debüt!

Letzte Änderung am  06.01.2004