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Wissenswertes über die Alzheimer Krankheit und Demenzerkrankungen

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5. Demenzkranke brauchen Lebensqualität

5.1 Integration der Kranken

5. Demenzkranke brauchen Lebensqualität

Demenzkranke brauchen an erster Stelle Liebe, Verständnis und Akzeptanz. Auch wenn sie sich selbst nicht immer liebenswert verhalten sind sie auf Zuwendung angewiesen, um in der für sie oft nicht mehr verstehbaren Welt Halt und Geborgenheit zu finden. Verständnis brauchen sie, damit sie sich in ihrem Denken, Fühlen und Erleben nicht isoliert fühlen, sondern auf unsere verstehenden und mitfühlenden Reaktionen treffen. Akzeptanz brauchen sie, um sich auch in ihren veränderten Verhaltensweisen angenommen zu fühlen und toleriert zu werden.

5.1 Integration der Kranken

Wenn von Integration Demenzranker die Rede ist, kann darunter zweierlei verstanden werden. Zum einen geht es um Grundhaltungen und das Bewusstsein, mit dem wir im Alltag und in der Öffentlichkeit mit der Krankheit umgehen, die Kranken wahrnehmen, über sie sprechen und ihnen begegnen. Hier besteht kein Zweifel, dass eine positive auf Integration gerichtete Grundhaltung und Wissen über die Krankheit sehr hilfreich und notwendig sind. Wir werden immer häufiger in der Öffentlichkeit demenzkranke Menschen treffen, die beim Einkaufen nicht mit dem Geld zurechtkommen, beim Busfahren die Station, an der sie aussteigen wollen nicht erkennen oder einfach suchend umherirren. Oft genügt schon ein kleiner Hinweis, eine freundliche Geste oder etwas liebevolle Zuwendung, damit der Betreffende wieder besser zurechtkommt. Wenn Passanten auf der Straße, Polizisten, Nachbarn, Bekannte und Verwandte mehr auf Demenzkranke eingestellt und vorbereitet sind, ist es auch den Kranken länger möglich, ein eigenständiges Leben zu führen. Für manche Demenzkranke ist etwa die Polizei ein wichtiger Ansprechpartner, wenn sie sich in einer persönlichen Notlage sehen.

Eine andere Form der Integration, bei der auch vom „integrativen Konzept der Betreuung Demenzkranker“ gesprochen wird, betrifft das Zusammenleben mehrerer Kranker und geistig rüstiger pflegebedürftiger älterer Menschen in Pflegeeinrichtungen.

Geht man davon aus, dass ein geistig rüstiger Mensch, der in einem Alten- und Pflegeheim lebt, zunehmend desorientiert und verwirrt wird, wird man selbstverständlich bemüht sein, dass er möglichst lange in seinem vertrauten Umfeld, dem Zimmer und der Station auf der er lebt, verbleiben kann. Denn dort kennt er sich aus und ist mit anderen vertraut. Insbesondere, wenn der demenzkranke Bewohner gut in dem Wohn- und Pflegebereich integriert ist und von anderen akzeptiert wird, spricht vieles für ein Verbleiben. Für leicht Demenzkranke kann z.B. auch die Möglichkeit, sich an dem Verhalten der geistig Rüstigen zu orientieren, eine Hilfe sein. Sie können beispielsweise bei anderen abschauen wie man mit dem Essbesteck umgeht, wenn sie selbst unsicher sind. Manche Demenzkranke, die sich eher freundlich zurückhaltend oder hilfesuchend verhalten, wecken auch Fürsorgetendenzen bei anderen Bewohnern und aktivieren sie dadurch. Allerdings kann gut gemeinte Hilfe für Demenzkranke auch zu viel des Guten werden, wenn dadurch die noch vorhandene Selbständigkeit des Kranken unterdrückt wird. Außerdem ist zu bedenken, dass die Kranken in vielen „normalen“ sozialen Situationen schnell überfordert sind und sich dann zurückziehen oder sich unwohl fühlen. Die Kranken brauchen in einem „normalen“ Milieu eine Person, die sie aufmerksam begleitet und schützt, wenn sie in eine überfordernde Situation geraten.

Die Möglichkeit, dass ein Demenzkranker in einem Wohn- und Pflegebereich mit Nicht-Demenzkranken zusammenleben kann, wir vor allem durch folgende Faktoren begrenzt:

  • Das Ausmaß an Verhaltensweisen, die von Nicht-Demenzkranken als störend und belastend empfunden werden, darf nicht zu hoch sein (z.B. zu Tages- und Nachtzeiten in die Zimmer anderer Bewohner gehen; laufend Gegenstände aus anderen Zimmern mitnehmen; ständig laut sprechen oder unruhig hin- und herlaufen; schreien; im Kontakt mit anderen Bewohnern schnell aggressiv reagieren; aufdringliches nicht normentsprechendes oder stark enthemmtes Kommunikations- und Kontaktverhalten; nicht normentsprechendes Verhalten beim Essen). Das Ausmaß dieser Verhaltensweisen nimmt in der Regel am Ende der ersten Krankheitsphase zu.
  • Der Anteil schwer und schwerst verwirrter Menschen darf insgesamt auf einem Wohn- und Pflegebereich nicht zu hoch sein (am besten nur etwa jeder Zehnte).

In der Praxis ist heute häufig davon auszugehen, dass der Anteil schwer und schwerst verwirrter Menschen in Pflegeeinrichtungen wesentlich höher liegt. Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass auch bei gutem Willen und Bemühen sowohl für geistig rüstige Bewohner als auch für schwer verwirrte enorme psychische Belastungen entstehen, wenn zwei etwa gleich große Gruppen auf nahem Raum zusammenleben. Ältere Menschen, die selbst körperlich und seelisch eingeschränkt belastbar sind, können sich nicht Tag und Nacht auf schwer verwirrte Menschen einstellen. Die Demenzkranken andererseits fühlen sich abgelehnt, ausgegrenzt oder empfinden den Unmut, der ihnen von den geistig Rüstigen entgegengebracht wird, sehr deutlich.

Noch ein weiterer Grund spricht gegen eine undurchdachte Integration in stationären Einrichtungen. Die strukturellen Notwendigkeiten der Pflege mobiler Demenzkranker unterscheiden sich zum Teil erheblich von den Pflegeabläufen bei körperlich schwerpflegebedürftigen Menschen. Ebenso sind die Bedürfnisse beider Gruppen teilweise sehr verschieden.

Demenzkranke brauchen größtmögliche Flexibilität bei Pflege- und bei Betreuungsaktivitäten mit einem hohen Maß an emotionaler und seelischer Bereitschaft der Pflegenden, sich auf ihre Gefühlswelt, ihre Verhaltensweisen und ihre eingeschränkten geistigen und kommunikativen Fähigkeiten einzulassen. Bei nur körperlich Pflegebedürftigen spielt demgegenüber die Funktionalität und der flüssige Ablauf von Pflege- und Behandlungsmaßnahmen eine wesentlich größere Rolle. Die Arbeitsabläufe orientieren sich viel mehr an festen zeitlichen Strukturen, die in der Betreuung Demenzkranker zum Teil kontraproduktiv sind.

Auch das Zusammenleben leicht und schwer demenzkranker Menschen kann zu Problemen führen. Dagegen spricht, dass sich die leicht Erkrankten durch ein stark verändertes oder nicht normentsprechendes Verhalten fortgeschritten Demenzkranker in hohem Maße verunsichert fühlen können. Andererseits gibt es wiederum leicht Erkrankte, die sich gerade im Zusammenleben mit schwerer verwirrten Menschen wohl fühlen, da sie sich in dieser Gruppe in der Rolle des Kompetenteren oder gar des Helfers erleben und dadurch ihr Selbstwertgefühl gestützt wird. Auch spüren die Kranken, dass sie sich unter den schwer Verwirrten nicht vor bloßstellenden Erfahrungen zu fürchten brauchen. In der Praxis sind daher individuelle Entscheidungen und Vorgehensweisen angebracht, die sich vor allem am Kranken und nicht an einer pauschalen Regel orientieren.

Durchdachte Konzepte zur stationären Betreuung Pflegebedürftiger versuchen, Kontakte zwischen schwer verwirrten und nicht oder leicht verwirrten Bewohnern gezielt zu steuern und nur zu bestimmten Anlässen oder Gelegenheiten zu fördern.

Weitere ausführliche Informationen zu ambulanten, teilstationären und stationäre Einrichtungen


Die Broschüre Wissenswertes über die Alzheimer-Krankheit und andere Demenzerkrankungen der Alzheimer Beratungsstelle der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart e.V. stellte uns freundlicherweise Herr Dipl. Psych. Günther Schwarz bereit. (Stand Sept. 2003)

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